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Familiäre Veränderungen – wie Katzen auf Neuzugänge, Trennungen und Konflikte reagieren

8. Januar 2015 | By | 1 Reply More

Katzen sind hierzulande oft vollwertige Familienmitglieder. Sie schlafen in unseren Betten, sie sind aufmerksame Zuhörer, sie fühlen mit uns, wenn wir Kopfschmerzen oder Liebeskummer haben. Wenn sich etwas im familiären Gefüge ändert, kann dies jedoch zu Problemen führen. Markierverhalten, Angst oder Aggression ist oft die Folge. Eine genaue Verhaltensanalyse kann helfen.

Von Helena Petzold

Foto © Evgeniia Abisheva, shutterstock.com„Als die Streitereien anfingen, begann Leni ständig auf den Teppich zu machen oder an den Möbeln zu kratzen. Ich glaube, dass sie damit auf die zunehmend aufgeladene Atmosphäre reagiert hat. So als ob sie zum Ausdruck bringen wollte: Ich finde die Situation einfach beschissen“, erinnert sich Katrin Schneider aus Köln an die Zeit, in der die Ehe ihrer Eltern auseinanderging. Nicht nur die Kinder, auch die Katze litt damals unter den Spannungen innerhalb der Familie. „Sie war ein sensibles und scheues Tier, das sich eher wenig anfassen ließ, und wenn, dann nur sehr zaghaft. Mein Eindruck war, dass sich ihre Charaktereigenschaften durch den Stress noch verstärkt haben.“ Hinzu kam, dass der Vater, der Leni nie besonders mochte, sich durch das Markierverhalten persönlich angegriffen fühlte und sie jedes Mal bestrafte, anstatt ihre Reaktion zu hinterfragen.

Katzen sind Routinetiere
Dabei kann es durchaus sinnvoll sein, nach den Ursachen zu suchen. Die Katzenpsychologin Tina Krogull ist davon überzeugt: „Stress kann der Auslöser für Unsauberkeit und Aggressivität sein. Man sollte auf jeden Fall sicherstellen, dass die Probleme keine medizinische Ursache haben. Ist die Katze vom Tierarzt durchgecheckt und gesund, sollte man versuchen, den Stressauslöser zu lokalisieren und abzuschalten.“ Grundsätzlich gilt dabei, dass die Hintergründe für Stressverhalten so verschiedenartig sind wie die Tiere selbst. Katzen seien nämlich Routinetiere, und selbst neue Gegenstände im Haus oder das Umstellen von Möbeln könne schon zu kleineren Problemen führen, erklärt die Expertin.
In ihrem Buch „Neues von der Katzenflüsterin“ schildert die britische Katzentherapeutin Vicky Halls mehrere Fälle, in denen Veränderungen in der Umgebung zu starken Verhaltensauffälligkeiten geführt haben. Einer davon ist die Geschichte von Squeak, der „Ehemannhasserin“. Squeak lebt seit mehreren Jahren allein bei ihrer Halterin Sarah. Sie ist keine besonders zutrauliche Katze, hat sich jedoch an Sarah und den gemeinsamen, gut überschaubaren Alltag gewöhnt. Als Sarah sich in Kevin verliebt und er bei ihr einzieht, fangen die Probleme an. Squeak zieht sich vollkommen zurück. Dies entspricht ihrer gewohnten Art, sich bei Besuch von Fremden zu verstecken und zu warten, bis sie wieder allein mit Sarah ist. Alle Annäherungsversuche von Kevin, der sich unbedingt mit der Katze anfreunden will, scheitern und gipfeln eines Tages sogar darin, dass Squeak die ganze Wohnung mit Kot und Urin verunreinigt.
Was Sarah und Kevin nicht bedacht haben, ist die Tatsache, dass Squeak schon immer ein ängstliches Tier war. Sie braucht die Routine und fühlt sich nur in der Nähe ihrer Halterin, die ruhig spricht und sich sanft bewegt, wirklich sicher. Kevin dagegen hat eine tiefe Stimme und ist groß und muskulös. Allein sein Erscheinungsbild wirkt auf die Katze bedrohlich und wird durch seine direkte und etwas unbeholfene Art, ihre Zuneigung zu gewinnen, verstärkt.

Nachdem das Paar die Katzenflüsterin zurate gezogen hat, ändert vor allem Kevin sein Verhalten: Er hält sich zurück und versucht nicht mehr, Squeak seine Freundschaft aufzuzwingen. Stattdessen bietet er ihr Futter an und gibt ihr jederzeit die Möglichkeit, sich in ein von ihr gewähltes Versteck zurückzuziehen. Die ersten Fortschritte – Squeak nimmt innerhalb weniger Tage die Leckerbissen aus seiner Hand – zeigen sich bereits sehr schnell und nach einigen Monaten hat sich die Situation deutlich entspannt.
„Die Katze muss die Möglichkeit bekommen, sich in ihrem Tempo dem neuen Menschen zu nähern. Der neue Mensch im Leben der Katze sollte versuchen, die Katze zu sich zu locken, aber niemals versuchen sich aufzudrängen“, fasst Tina Krogull das Phänomen zusammen.

Foto: Nadine Müller www.cat-passion.ch

Foto: Nadine Müller www.cat-passion.ch

Aggression als Strategie
Nicht jede Katze reagiert auf eine einschneidende Veränderung in ihrer Umgebung so defensiv wie in dem oben geschilderten Fall. Manche Tiere legen auch genau das gegenteilige Verhalten an den Tag. Ein Beispiel dafür ist „Rover“, den Vicky Halls in ihrem Vorgängerbuch „Die Katzenflüsterin“ beschreibt: „Der clevere alte Kater lernte schnell, dass ein kurzer Krallenhieb auf Johns Unterschenkel und ein lautes Zischen dazu führten, dass dieser auf ihn aufmerksam wurde und ihm die Mahlzeit servierte. Herr und Kater hatten denselben Lieblingsstuhl mit Blick auf den Garten, und des Öfteren gab es einen Machtkampf, weil entweder Rover oder John diesen Platz fest entschlossen verteidigten.“
Als John eines Tages seinen neuen Partner Gordon mit nach Hause bringt, fährt Rover wortwörtlich die Krallen aus. Er stürzt sich mit vollem Eifer auf den jungen Mann, verjagt ihn aus Johns Schlafzimmer und scheucht ihn im ganzen Haus herum. Nach einer Weile sind Gordons Beine völlig zerkratzt und das Paar ist mit den Nerven am Ende.
In dieser Geschichte lässt sich das Verhalten des Katers weniger durch seinen ursprünglichen Charakter erklären, als vielmehr durch das Prinzip von Versuch und Irrtum: Rover hat gelernt, dass er immer dann erfolgreich ist, wenn er Zähne und Krallen einsetzt anstatt kläglich zu maunzen oder seinem Herrn sanft um die Beine zu streichen. Während John, Rovers langjähriger Gefährte, oft zerstreut ist und dadurch erst spät auf die Attacken des Katers reagiert, springt Gordon viel schneller darauf an. Der neue Mitbewohner wird nervös, wenn Rover ihn nur anguckt, und fordert ihn dadurch erst recht heraus.

„Katzen sind ausgesprochen intelligente Tiere und lernen schnell, Aggression gegen den Menschen auch als Mittel zum Zweck einzusetzen. Man bezeichnet dies als instrumentelle Aggression“, schreibt die Tierpsychologin Denise Seidl in ihrem Buch „Wenn meine Katze Probleme macht“ und führt weiter aus: „Kommt Ihre Katze eines Nachts auf die Idee, nach Ihren Füßen unter der Bettdecke zu angeln, und versuchen Sie, diese spielerische Attacke zu stoppen, indem Sie Ihrer Katze einen Leckerbissen geben, dann wird Ihrer Katze Folgendes beigebracht: Für Attacken auf die Füße gibt es zusätzliche Leckerbissen!“

Es muss also gar nicht sein, dass die Katze ein Eifersuchtsproblem hat, wenn sie einen neuen Partner angreift. Vielmehr kann es sein, dass sie dessen Verhalten, wie im Fall von Rover, falsch interpretiert – nicht aus Böswilligkeit, sondern weil sie ihrer eigenen Logik folgt. Das Verhaltensprogramm für Gordon besteht folglich darin, dass er versuchen soll, seinen Angreifer zu ignorieren. Unterstützt wird diese Maßnahme durch ein paar „Tricks“, wie unter anderem dadurch, dass Gordon ab sofort sicheres Schuhwerk und Überhosen trägt. Auch das Umstellen des Lieblingsstuhls, auf dem Gordon regelmäßig attackiert wird, gehört dazu. Weshalb? Ganz einfach: Wenn der Stuhl nicht mehr an seinem angestammten Platz ist, gibt es für Rover auch keinen Grund mehr, diese Stelle im Raum zu verteidigen!

Nicht immer ist „gut gemeint“ das Richtige. Manchmal führen familiäre Veränderungen zu dramatischen Verhaltensauffälligkeiten, die nicht sofort als solche erkannt werden. Ein weiterer Fall, den Vicky Halls in „Die Katzenflüsterin“ schildert, ist der von Lily, einer äußerst sensiblen Perserkatze. Lily lebt seit drei Jahren als reine Wohnungskatze bei ihrer Halterin Enid, von der sie mit Liebe und Aufmerksamkeit überhäuft wird. Eines Tages beginnt Enid, sich für eine Wohltätigkeitseinrichtung zu engagieren, und verbringt folglich mehr Zeit außer Haus. Da sie nicht möchte, dass Lily sich einsam fühlt, nimmt sie eine weitere Katze, ein älteres Männchen, bei sich auf. Die Folge ist, dass Lily sich immer mehr zurückzieht und an ihrem Körper ein großes Ekzem auftaucht.
Nach einer tierärztlichen Untersuchung, bei der eine physische Erkrankung als Ursache für die Wunde ausgeschlossen wird, stellt sich bald der Grund für Lilys Verhalten heraus: Sie hat bemerkt, dass sie nicht nur ihre engste Gefährtin verloren, sondern auch noch einen Störenfried dazubekommen hat. Was gut gemeint war, hat also genau das Gegenteil bewirkt. Ihre Welt ist zusammengebrochen, und sie hat alles versucht, um mit der neuen Situation klarzukommen.

„Katzen wenden oft natürliche Verhaltensweisen wie etwa Putzen an, um sich in Stresssituationen mit etwas Bekanntem und Ungefährlichem beschäftigen zu können“, erläutert Halls Lilys scheinbar merkwürdige Reaktion. Die übertriebene Reinlichkeit, die zur Selbstverstümmelung führt, könne dabei zur Sucht werden. In Lilys Fall sind es zwei Dinge, die eine Besserung herbeiführen: eine medikamentöse Behandlung und – eine Veränderung ihrer Lebenssituation. Was auf den ersten Blick widersprüchlich erscheint, erweist sich als goldrichtig; denn obwohl sie bei Enid ein sicheres und gut behütetes Leben führen konnte, stellt sich heraus, dass sie sich in deren Wohnung oft gelangweilt hat. In ihrem neuen Zuhause hingegen, das sie sich ebenfalls mit einer alleinstehenden Frau teilt, hat sie die Möglichkeit, ihren Spieltrieb im Garten auszuleben.

Halls weist bei dieser Gelegenheit auch auf einen Irrtum hin, dem viele Halter von Perserkatzen erliegen. Ihrer Ansicht nach ist es nämlich nicht notwendig, die Tiere ausschließlich drinnen zu halten: „Ich kenne viele Perser, die es überaus schätzen, draußen zu sein, sich auf den Boden zu legen und schmutzig zu werden. Sie sauber zu halten, ist, ehrlich gesagt, ein Graus. Doch was zählt das schon, wenn sie dabei zufrieden sind?“

Der erste Eindruck zählt - dann können aus Katzen und Kindern echte Freunde werden! Foto: Landwerth

Der erste Eindruck zählt – dann können aus Katzen und Kindern echte Freunde werden! Foto: Landwerth

Annäherung über den Geruch
Ist der Stress also schon vorprogrammiert, wenn sich die Familienverhältnisse in einem Katzenhaushalt ändern? Nicht unbedingt. In manchen Fällen treffen glückliche Umstände und eine gute Vorsorge aufeinander, so wie bei Katzenhalterin Doris Legène aus Hamburg: „Meine Katzen sind sehr soziale Tiere, sie sind angstfrei und zutraulich, da sie keine schlechten Erfahrungen gemacht haben.“ Als sie ihren Sohn bekam, wurden die beiden Maine-Coon-Mischlinge Frido und Sprotte vorbereitet, indem sie an einer vollen Windel riechen durften – noch während das Baby im Krankenhaus war. Als der Neuankömmling dann zu Hause eintraf, hatten sie die Gelegenheit, sich einen weiteren Eindruck zu verschaffen: „Als sie ihn zum ersten Mal gesehen haben, waren sie etwas irritiert und distanziert, aber trotzdem sehr neugierig. Sie haben Jan, der auf dem Boden in seinem Maxi-Cosi war, umkreist und beschnuppert.“
Probleme habe es auch später nicht gegeben. Vorsichtshalber hätten Doris Legène und ihr Partner die Katzen aufmerksam beobachtet, doch Frido und Sprotte hätten Jan von Anfang an akzeptiert und es habe keinerlei Verhaltensauffälligkeiten im Zusammenhang mit dem neuen Familienmitglied gegeben. Im Gegenteil: „Der Kater lag sogar immer mit dabei, wenn wir mit unserem Kind im Bett gekuschelt haben.“

Auch Tina Krogull rät dazu, den Katzen die Möglichkeit zu geben, sich einem neuen Menschen über den Geruch zu nähern. „Es hilft auch schon mal, wenn der neue Mensch ein getragenes Kleidungsstück der Katze hinlegt und sie dann immer wieder schnuppern gehen kann.“ Ebenso wichtig findet sie die Vorsichtsmaßnahmen beim Einzug eines frisch geborenen Babys in die Wohnung. Es solle unter anderem darauf geachtet werden, dass die Katze nicht allein ins Babyzimmer gelangen kann.

Im Zusammenhang mit älteren Kindern ist es außerdem wichtig, dass Eltern ihren Kindern den Umgang mit Katzen von Anfang an richtig erklären. Genaueres darüber nachzulesen ist in dem Ratgeber von Denise Seidl. Neben lauten Geräuschen und Ziehen am Schwanz gibt es nämlich noch eine ganze Reihe von anderen Dingen, die unsere empfindlichen Hausgenossen überhaupt nicht mögen: So können Katzen es beispielsweise nicht leiden, wenn sie aufgeweckt werden oder nicht in Ruhe fressen oder zur Toilette gehen können. Im Grunde ganz einfach, denn schließlich handelt es sich hierbei um die Befriedigung von Grundbedürfnissen. Auch wenn es manchmal schwierig erscheint, ihr Verhalten zu deuten – in manchen Dingen unterscheiden sich die Samtpfoten eben kaum von uns Menschen.

Quellen:
Katzenpsychologin Tina Krogull

Halls, Vicky: Die Katzenflüsterin. Erfolgreiche Kommunikation, vertrauensvolles Miteinander. Franckh-Kosmos Verlags-GmbH & Co. KG, Stuttgart, 2007 (Hardcover mit Schutzumschlag, 264 Seiten), aus dem Englischen übersetzt von Dr. Brigitte Rauth-Widmann

Halls, Vicky: Neues von der Katzenflüsterin. Die Geheimnisse der Katzenseele erforschen. Franckh-Kosmos Verlags-GmbH & Co. KG, Stuttgart, 2008 (Hardcover mit Schutzumschlag, 296 Seiten), aus dem Englischen übersetzt von Dr. Brigitte Rauth-Widmann

Seidl, Denise: Wenn meine Katze Probleme macht. Katzenverhalten verstehen, Probleme lösen. Franckh-Kosmos Verlags-GmbH & Co. KG, Stuttgart, 2008 (Hardcover, 124 Seiten, ca. 107 Farbfotos)

Zur Autorin:
Helena Petzold arbeitet seit ihrem Studium am Fachbereich Angewandte Sprach- und Kulturwissenschaft der Universität Mainz in Germersheim und einem Aufbaustudium an der Freien Journalistenschule Berlin als Übersetzerin, Journalistin und Autorin. Zusammen mit Loki, „einer kleinen drahtigen Tigerin, die schnurren kann wie ein Rasenmäher“, schrieb sie für die Online-Ausgabe des Katzenmagazins Pfotenhieb die Kolumne „Lokis Welt“, in der Loki die Eigenheiten der Dosenöffner aufs Korn nimmt.

Dieser Artikel erschien im Pfotenhieb Bookazin Juni 2013

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Category: Katzenleben

Comments (1)

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  1. Barbara sagt:

    Huhu!
    Süßes Bild von Deiner Finja!

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