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Sanftes Heilen für Körper und Seele. Was können die Therapeuten, was dürfen sie?

16. Dezember 2015 | By | Reply More

Ob Impfen, Zahnstein oder aufgekratzte Haut – für die meisten Katzenhalter ist der Tierarzt erster Ansprechpartner bei allen Fragen rund um die Gesundheit ihrer Samtpfoten. Innerhalb der letzten Jahre gibt es – analog zur Entwicklung im Humanbereich – aber immer mehr Tierbesitzer, die die Schulmedizin nicht mehr als alleinigen Weg sehen, um ihrem Tier zu helfen, sondern sich bei kleinen und größeren Wehwehchen auch an Tierpsychologen oder Tierheilpraktiker wenden, die alternative Wege in der Heilung von Krankheiten oder Verhaltensauffälligkeiten gehen. Welche Fachkenntnisse bringen sie mit und wo liegen ihre Möglichkeiten und Grenzen? Pfotenhieb hat sich die beiden Berufsbilder einmal angeschaut.

von Kerstin Orth

Halten alternative Heilmethoden, was sie versprechen? Foto: Pixelio.de

Halten alternative Heilmethoden, was sie versprechen? Foto: Pixelio.de

Tierpsychologie – der Blick in die Tierseele
Mit der These des Philosophen René Descartes, das Tier sei eine seelenlose Sache und gleiche einer Maschine, wird sich heute wohl kaum noch ein Katzenbesitzer anfreunden können. Nicht nur wohliges Schnurren, auch Auffälligkeiten wie Rangordnungsstreitigkeiten oder ängstliches Verhalten zeigen, dass die Vierbeiner keinesfalls immer berechenbar sind und, frei nach der Devise „jedem Tierchen sein Pläsierchen“ durchaus ihren eigenen Willen oder ihre Nöte zum Ausdruck bringen. Bahnbrechend für die Tierpsychologie im deutschsprachigen Raum war der Zoologe Konrad Lorenz in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Durch seine Erkenntnisse in der Verhaltensforschung, bezeichnen ihn heute noch viele als Gründungsvater der Tierpsychologie, wie er selbst das Fachgebiet bis 1949 nannte. Er verschaffte der „Verhaltensbiologie“ an Universitäten einen großen Schub – diese Bezeichnung wird heute im wissenschaftlichen Diskurs vorgezogen, da lediglich das Tierverhalten beobachtbar ist, sich Aussagen über das Bewusstsein oder Erleben und damit über die Psychologie jedoch nur schwerlich treffen lassen. Verhaltensbiologie nimmt im Studium der Tiermedizin jedoch – wenn überhaupt – nur einen geringen Teil ein. Mit zunehmender Anzahl von Heimtieren, auch in städtischen Gebieten und damit auf kleinerem Raum, ist auch der Bedarf nach Hilfe im Umgang mit den Vierbeinern in den letzten 20 Jahren mehr und mehr gestiegen. Dies wiederum führte zu einer Professionalisierung der Arbeit von „Experten für verhaltensauffällige Heimtiere“, anfangs vor allem im Bereich um Hundeerziehung und -training – bekanntestes Beispiel hierfür ist sicherlich der TV-präsente Tierpsychologe und Entertainer Martin Rütter – nach und nach aber auch bei anderen Heimtieren und hier besonders auch bei Katzen.

Von Kratzekatzen und Pinkelproblemen
Ein Tierpsychologe kann helfen, wenn Probleme im Verhalten der Katze auftreten, die den Halter und/oder das Tier selbst belasten. Hier kann oftmals der neutrale Blick von außen durch erfahrene Augen die Ursache des auffälligen Verhaltens erkennen und somit Lösungsvorschläge anregen. Ein Beispiel: Die beiden Perserkatzen Leila und Lucy von Heike S. vertragen sich nicht mehr, seit Leila von einem Tierarztbesuch zurück kam. Noch Wochen später steht tägliches Raufen und Knurren auf der Tagesordnung, obwohl die beiden sich früher gut vertragen haben. Die hinzugezogene Tierpsychologin erkennt durch Beobachtung und Berichte, dass Lucy seit dem Ereignis ängstlich auf Leila reagierte und empfahl erst mal eine räumliche Trennung. Mit entsprechend zusammengestellten Bach-Blüten, die auch im Repertoire vieler Tierpsychologen eine wichtige Rolle spielen, konnte die Situation weiter entschärft und die beiden dann, in einem großzügigen Zeitrahmen und unter Anleitung wieder zusammengeführt werden. Heute schlummern sie wieder einträchtig im Körbchen. Auch bei Unsauberkeit, die häufig ein emotionaler Hilferuf des betroffenen Tieres ist, können Tierpsychologen oft gute Tipps geben, um das Problem, das schnell beide Seiten an den Nerven zehrt, in den Griff zu bekommen. Vor der Konsultation eines Tierpsychologen sollte jedoch immer der Gang zum Tierarzt stehen. Oftmals haben vermeintliche Verhaltensprobleme organische Ursachen: Hinter der Unsauberkeit kann sich auch eine schmerzhafte Blasenentzündung verbergen, bei der nur der Tierarzt die Diagnose stellen und eine Therapie einleiten kann. Und der aus unerklärlichen Gründen gemobbte Kater kann eine ernsthafte Erkrankung in sich tragen, so dass die übrigen Katzen ihn aus der Gruppe ausschließen. Erst wenn der Tierarzt keine Erklärung für das veränderte Verhalten findet, kann ein Tierpsychologe mit praktischem Wissen und einem neuen Blickwinkel weiterhelfen.

Der Tierpsychologe kann bei Verhaltensproblemen helfen. Foto: Shutterstock

Der Tierpsychologe kann bei Verhaltensproblemen helfen. Foto: Shutterstock

Guter Rat ist schwer gefunden?!
Grundsätzlich kann sich in Deutschland jeder „Tierpsychologe“ nennen, denn der Begriff ist nicht geschützt und erfordert keinen Hochschulabschluss. Zahlreiche Institute bieten eine Ausbildung zum Tierpsychologen oder zum „Tierpsychologischen Verhaltenstherapeuten“ an, so beispielsweise ein Wuppertaler Studienkolleg für rund 1.800 Euro. Im Gegenzug bekommt der Interessierte Material für ein 24 Monate dauerndes Heim-Studium, bei dem ihm Grundlegendes zur menschlichen und in einem zweiten Schritt darauf aufbauend die Psychologie von Hund, Katze und Pferd „praxisnah“ vermittelt wird. Das ist auch wichtig, denn Tierpsychologen sollten in der Regel Praktiker sein und vor allem auf Hilfestellung in konkreten Problemsituationen hin ausgebildet werden. Wie seriös solche Angebote sind, ist im Einzelfall zu prüfen, denn auch hierfür gibt es keine Richtlinien. Nicht nur, wenn im gleichen Studienprogramm auch ein Tarot-Analytiker-Kurs angeboten wird, sollten Interessierte hier mit kritischem Blick die Qualität der Ausbildung hinterfragen.

Auch bei der Suche nach einem Tierpsychologen selbst sollten die Tierhalter genau hinsehen. Unter den meist freiberuflichen Dienstleistern tummeln sich auch unseriöse Anbieter, die bestenfalls ein paar Bücher überflogen haben ohne verhaltensbiologische Grundkenntnisse zu besitzen. Also: Wer Hilfe bei problematischem Verhalten seiner Samtpfote sucht, ist gut beraten, nachzufragen: Wo hat der Tierpsychologe seine Kenntnisse erworben, welches Know-how bringt er mit? Seriöse Anbieter werden hier gerne Auskunft geben. Auch preislich sind alle Facetten denkbar – von der Online-Beratung über 35 Euro bis zum Hausbesuch für 80 Euro exklusive Fahrkosten – am besten ist es auch hier, sich vorher gründlich über die Kosten zu informieren.

Der Tierheilpraktiker – eine Alternative zur Schulmedizin?
Tierheilpraktiker üben verschiedene alternative Heilmethoden aus, die gern auch als „grüne Medizin“ bezeichnet werden. Viele haben sich auch auf eine bestimmte Methode spezialisiert. Zu den bekanntesten gehören Phytotherapie, auch Pflanzenheilkunde genannt, Bioresonanztherapie, Akupunktur, Tier-Homöopathie und die Bach-Blüten-Therapie, mit der viele Tierbesitzer schon positive Erfahrungen gemacht haben – auch, wenn die Wirksamkeit nicht wissenschaftlich bewiesen ist. Hierbei stellen die Tierheilpraktiker eine genau auf das jeweilige Tier und seine Situation abgestimmte Bach-Blüten-Mischung zusammen, beispielsweise, um dabei zu unterstützen, Ängste zu lösen.

Vorsicht vor Scharlatanen: ie Ausbildung des Tierheilpraktikers ist gesetzlich nicht geregelt und die Berufsbezeichnung nicht geschützt. Foto: Shutterstock

Vorsicht vor Scharlatanen: ie Ausbildung des Tierheilpraktikers ist gesetzlich nicht geregelt und die Berufsbezeichnung nicht geschützt. Foto: Shutterstock

Gesucht: Praktiker mit fundierter Theorie
Ebenso wie beim Tierspychologen gilt: Die Ausbildung des Tierheilpraktikers ist gesetzlich nicht geregelt und die Berufsbezeichnung nicht geschützt. Wer also den Rat eines Tierheilpraktikers in Anspruch nehmen möchte, sollte sich nach dessen Ausbildung erkundigen. Das entsprechende Ausbildungsinstitut sollte idealerweise eine möglichst hohe Stundenanzahl in Anatomie, Physiologie und Pathologie, gängigen Naturheilverfahren sowie einige Praktika beinhalten. Positiv zu bewerten ist auch die Mitgliedschaft in einem der Tierheilpraktiker-Verbände, die dem Berufsverband „Kooperation deutscher Tierheilpraktiker e.V. angehören“ – zu den Aufnahmebedingungen zählt auch das Ablegen einer umfangreichen Prüfung, die Grundlagen-Kenntnisse sichert. Außerdem haben sich einige Tierheilpraktiker auf bestimmte Tierarten spezialisiert und verfügen hier über besonders große Erfahrung, was den vierbeinigen Patienten zugutekommt.

Ergänzung oder Alternative?
Befürworter der alternativen Methoden führen häufig ins Feld, dass bei diesen, im Gegensatz zur Schulmedizin, nicht in erster Linie nur Symptome bekämpft werden, sondern das Tier als ganzheitliches Individuum gesehen wird, bei dem etwas im Ungleichgewicht ist, das der Heilpraktiker mit seinen Methoden wieder in die richtige Balance bringt. Man spricht auch von „ganzheitlicher Medizin“. Je länger die Krankheit andauert, desto schwieriger, so die Auffassung der Naturheilkundler, sei in jedem Fall auch die Behandlung. Es spricht also nichts dagegen, in Absprache mit dem Tierarzt, schon früh einen Heilpraktiker oder auch einen Tierpsychologen aufzusuchen. Zur korrekten Diagnose, da sind sich beide Seiten einig, muss jedoch häufig ohnehin ein Tierarzt zu Rate gezogen werden: Blutwerte, Röntgenbilder und Biopsien kann nur ein Tierarzt erstellen und bestimmen. Erkrankungen, bei denen verschreibungspflichtige Arzneimittel zwingend angewendet werden müssen, gehören ebenso wie lebensbedrohliche Zustände nicht in den Behandlungsbereich des Tierheilpraktikers. Hier ist akute Hilfe gefragt und der Tierarzt verfügt über eine staatlich geregelte Ausbildung und wissenschaftlich belegte Erkenntnisse. Es spricht jedoch nichts dagegen, nach dem Tierarztbesuch auch einen Tierheilpraktiker zu Rate zu ziehen, der häufig einen neuen Blickwinkel mitbringt und die Krankheitssymptome von anderer Warte aus betrachtet. Vor allem bei chronischen Problemen wie Allergien, bei denen häufig schulmedizinisch nicht mehr geholfen werden kann, kann ein erfahrener Tierheilpraktiker mit Blick aufs Ganze tatsächlich sprichwörtliche Wunder bewirken.

Mittlerweile beraten auch immer mehr Tierärzte in Sachen "grüner Medizin". Foto: Shutterstock

Mittlerweile beraten auch immer mehr Tierärzte in Sachen „grüner Medizin“. Foto: Shutterstock

Schulmedizin ohne Scheuklappen
Auch immer mehr Tierärzte beraten aktiv in Sachen grüner Medizin oder auch Tierpsychologie. Hilfe bei der Suche nach derart ausgebildeten Veterinären bietet zum Beispiel die Gesellschaft für ganzheitliche Tiermedizin e.V. auf ihrer Homepage an, auf der eine Liste mit Tierärzten, die Zusatzausbildungen in verschiedenen Fachgebieten absolviert haben, zu finden ist. Dem Verband gehören rund 600 Mitglieder, die meisten davon Tierärzte, an, die Naturheilverfahren als gute Ergänzung zur Schulmedizin sehen und damit die Auffassung vertreten, dass Schulmedizin und alternative Methoden nicht unbedingt eine „Entweder-oder“-Entscheidung sind, sondern Hand in Hand gehen können. Mit dem breiteren Repertoire können diese Tierärzte dann individuell entscheiden, ob sich im konkreten Fall bessere Erfolge auf alternativen oder schulmedizinischen Wegen erreichen lassen.

Interview: Pfotenhieb im Gespräch mit Karl Langer, seit 17 Jahren Heilpraktiker für Menschen und Tiere mit eigener Praxis in Regensburg

Herr Langer, sind auch Skeptiker unter den Tierhaltern, die sich an Sie wenden?
Ja – es kommen auch immer wieder Skeptiker, die gemeinsam mit ihren Tieren schon eine Ochsentour bei mehreren Tierärzten hinter sich und hier alle Mittel ausgeschöpft haben. Sie sehen mich als Tierheilpraktiker als letzten Ausweg nach dem Motto „kann ja nicht schaden, wieso nicht mal ausprobieren?“ Dann ist die Überraschung und Freude oft umso größer, wenn die alternativen Heilmethoden anschlagen und ein vermeintlich todkrankes Tier noch einige schöne und beschwerdefreie Jahre vor sich hat. Manche anfangs skeptische Besitzer kommen danach übrigens auch mit ihren eigenen Beschwerden zu mir in meine Human-Praxis.

Mit welchen Problemen kommen speziell Katzenhalter in Ihre Praxis?
Die Tiere der Katzenhalter, die sich an mich wenden, haben häufig Probleme mit Allergien, die sich durch Juckreiz und schuppiges Fell bei ihrem Tier zeigen. Hier können alternative Methoden meist gut helfen. Auch Nierenprobleme – häufig ausgelöst durch schlechte Ernährung durch jahrelanges Füttern von ungesundem Industriefutter – treten bei den Samtpfoten häufiger auf. Hier gebe ich dann auch schon mal eine Ernährungsberatung. Ebenfalls oft anzutreffen und gut alternativ zu behandeln sind Zahnfleischerkrankungen wie Stomatitis.

Wie läuft eine Behandlung ab?
Die Tierhalter rufen mich an, schildern das Problem. Dann vereinbaren wir einen Termin, bei dem sie mit dem Tier in meine Praxis kommen, wo ich es untersuche und mich mit dem Besitzer ausführlich unterhalte, um mir ein genaues Bild über die Symptome machen zu können. Dann mache ich einen Therapievorschlag, stelle ein Rezept für ein homöopathisches Mittel oder Bach-Blüten aus oder führe die Therapie in der Praxis durch. Manchmal, vor allem, wenn die Krankheit schon lange andauert, sind auch mehrere Sitzungen notwendig.

Wie schlagen die alternativen Methoden denn bei Katzen an – gibt es hier Unterschiede zu anderen Tieren und zum Menschen?
Generell kann man sagen, dass alternative Methoden beim Tier, aber auch bei Kindern, besser anschlagen als beim erwachsenen Menschen. Sie haben eben keine Vorurteile und sind schlicht jünger, weswegen noch nicht so viele Giftstoffe im Körper sind. Bei Katzen habe ich bisher besonders gute Erfahrungen mit Bach-Blüten gemacht. Einziges Problem ist hier, dass die Einnahme sich manchmal schwierig gestaltet, da Katzen nicht so leicht orale Mittel zu verabreichen sind.

Information:
Der Begriff „Homöopathie“ geht auf den Arzt Samuel Hahnemann zurück und bedeutet aus dem Griechischen übersetzt so viel wie „ähnliches Leiden“. Hahnemann schlug den Weg ein, Krankheiten mit kleinsten Mengen derselben Substanz anzugehen, von der bekannt ist, dass sie in großen Mengen das zu bekämpfende Übel hervorruft. Die Homöopathie bedient sich hierbei äußerst verdünnter, als kleinste Potenzen bezeichneter Mengen.

Zur Autorin:
Nach ihrem Studium der Germanistik und Wirtschaftsgeschichte in Düsseldorf arbeitete Kerstin Orth einige Jahre im Bereich Unternehmenskommunikation in der Heimtierbranche. Seit 2010 ist sie als freiberufliche Redakteurin tätig und lebt mit ihren beiden Maine Coon-Katern in Trier.

erste_hilfe_f_m_katze_2011Dieser Artikel erschien im Pfotenhieb Bookazin 1

Zum Weiterlesen:
Das Samtpfoten-Handbuch von Dr. Barbara Wehr
Erste Hilfe für meine Katze von Dr. Michael Streicher

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Category: Aktuelle Beiträge, Katzengesundheit

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