Die Herbstgrasmilbe – nicht nur im Herbst ein Problem

Leseprobe aus Pfotenhieb, Ausgabe 5

von Dr. vet. med. Michael Streicher

Die Herbstgrasmilbe gehört in manchen Regionen Deutschlands zu den häufigsten diagnostizierten Parasiten bei Hunden und Katzen.
Doch auch der Mensch kann deutliche Krankheitssymptome entwickeln.
Woran erkennt man einen Befall mit Herbstgrasmilben?
Was bringen erfolgsversprechende Hausmittelchen wie Knoblauch, Teebaumöl & Co.?

Herbstgrasmilbe, Foto © Wikipedia.org
Herbstgrasmilbe, Foto © Wikipedia.org

Die Herbstgrasmilbe oder Grasmilbe gehört zur Klasse der Spinnentiere. Ihre Larven leben parasitisch auf und von anderen Tieren. Sie befallen vor allem Mäuse, aber auch Hunde, Hauskatzen, Menschen und andere Säugetiere. Es gibt schätzungsweise weltweit 60.000 beschriebene Milbenarten, man nimmt jedoch an, dass nicht einmal zehn Prozent aller vorkommenden Milben bekannt sind. Milben zeichnen sich durch einen komplexen Entwicklungszyklus mit inaktiven Zwischenstadien, parasitären Larven und räuberisch lebenden Nymphen und Adulti aus. Die Milbenfamilie ist mit etwa 3000 Spezies weltweit verbreitet. Die Herbstmilbe Neotrombicula autumnalis gehört zur Familie der Laufmilben (Trombiculidae), wo etwa 1500 verschiedene Arten unterschieden werden. In Deutschland ist unter den Laufmilben Neotrombicula autumnalis, die sogenannte Herbstgrasmilbe, am häufigsten vertreten.

Die erwachsenen Milben sind ein bis zwei Millimeter groß und schwach gelblich bis fast durchscheinend gefärbt. Auf einer weißen Unterlage sind sie mit bloßem Auge gerade noch gut zu erkennen. Wie alle Milben haben sie ein sechsbeiniges Larvenstadium, während die Nymphe und die erwachsenen Milben acht Beine haben. Sie besitzen ein breites Rückenschild und zwei Doppelaugen. Nymphen und erwachsene Milben sind von komplett anderem Aussehen als die Larven und daher lange Zeit von der Wissenschaft nicht als zueinandergehörig erkannt worden.
Beide Stadien sind am Rumpf dicht mit gelb-orangen, auffällig langen Fiederhaaren besetzt und weisen in Höhe des dritten Beinpaares eine Einschnürung auf, die den Tieren eine achtförmige Gestalt verleiht. Die Atmung erfolgt über die Haut. Nur die Larve der Herbstmilbe lebt parasitisch und sticht Tiere und Menschen, erwachsene Milben stechen nicht.

Alle Katzen, Hunde und Menschen, die Probleme mit einem Milbenbefall zeigen, werden demnach ausschließlich von den Larven der Herbstgrasmilben bevölkert. Die Verbreitung der Herbstgrasmilbe In Europa sind sechs Laufmilben-Arten als Parasiten des Menschen nachgewiesen.
Die häufigste und am weitesten verbreitete Art in Mitteleuropa ist Neotrombicula autumnalis. Vermutlich kommen sie in ganz Zentraleuropa vor, wenngleich aufgrund ihrer speziellen Anforderungen an die Umgebung nicht flächendeckend und in unterschiedlicher Dichte.
Typische Lebensräume sind Gärten, Äcker, Kulturwiesen und Waldränder, wo ihre Larven auf dem Boden, auf Gräsern, auf Kräutern und in seltenen Fällen sogar in niedrigen Regionen von Sträuchern zu finden sind. Die verbreitete Meinung, dass die Milben nur in unmittelbarer Nähe von Gewässern auftreten, stimmt nicht. Eher das Gegenteil scheint der Fall zu sein: feuchte, staunasse Böden werden nicht besiedelt.
Nichtsdestoweniger ist das Auftreten der Milben an eine hohe relative Luftfeuchtigkeit in Bodennähe gebunden, weshalb die Larven in der Vegetation selten höher als 20 bis 30 Zentimeter anzutreffen sind. Ebenso unzutreffend ist die Vermutung, dass sich die Trombikuliden von erhöhten Standorten auf den
Wirt fallen lassen. Neben der Luftfeuchtigkeit spielt offenbar auch die Säure des Bodens eine Rolle für das Auftreten von Trombikuliden. Optimale Lebensbedingungen soll ein neutraler bis leicht alkalischer pH-Wert des Bodens (pH 7,2 bis 8,5) bieten. Darüber hinaus ist die Aktivität der Milbenlarven temperaturabhängig. Eine entsprechende Luftfeuchtigkeit vorausgesetzt, sind sie bereits bei wenig über 10° C in der Natur nachzuweisen.
Ihre Hauptaktivität liegt aber bei Temperaturen zwischen 25° und 30° C. Demzufolge ist die Milbendichte in den Morgenstunden am geringsten und nimmt bis zum späten Nachmittag ständig zu, um danach wieder abzufallen. Zwischen 14 und 18 Uhr erreicht sie üblicherweise ihr Maximum.

Zusammenfassend kann man sagen, dass das Vorkommen der Milben nicht von bestimmten Pflanzen abhängig ist, sondern vom Mikroklima wie Temperatur und Feuchtigkeit des Bodens.

Der Weg auf die Katze

Auf der Suche nach einem Wirt klettern die Larven an Kräutern, Grasbüscheln und Erderhebungen dem Licht entgegen und sammeln sich am höchsten Punkt. Hierbei können sich mehrere hundert Larven an einer kleinen Stelle versammeln. Sie warten so tagelang auf einen zufällig vorbeikommenden Wirt, wie Maus, Vogel oder Katze, der sie von ihrer Warteposition abstreift und ungewollt mitnimmt. Eine aktive Wanderung der Larve zum Wirt hin findet nicht statt.
Sobald die Herbstgrasmilbenlarve auf ihrem Wirt sitzt (1), ritzt sie mit ihren Mundwerkzeugen die obersten Hautschichten an und gibt ein Speichelsekret ab, welches die darunterliegenden Hautschichten auflöst. Der entstehende Brei aus Speichelsekret und Zellflüssigkeit wird aufgesogen und dient den Milben als Nahrung. Blut wird nicht gesaugt. Nach erfolgter Nahrungsaufnahme lösen sich die vollgesogenen Larven und fallen zu Boden (2). Dort treten sie in ein Ruhestadium ein (3) und machen eine Verwandlung durch, aus der sie vier bis sechs Wochen später als sogenannte Nymphen hervorgehen (4).
Die Nymphe lebt räuberisch im Boden und ernährt sich von anderen Kleinsttieren und Insekteneiern. Nach einigen Tagen bis zwei Wochen der Nahrungsaufnahme als Nymphe folgt wiederum eine Ruhephase von ein bis zwei Wochen, in der sich eine weitere Entwicklung vollzieht (5).
Am Ende steht die Häutung zur erwachsenen, geschlechtsreifen Milbe, die eine der Nymphe entsprechende, räuberische Lebensweise besitzt (6).
Die Nymphen und die erwachsenen Tiere halten sich permanent im Boden auf. Dort leben sie räuberisch, vermutlich von anderen Bodenlebewesen und deren Eiern. Die Befruchtung des Weibchens erfolgt an der Erdoberfläche über einen indirekten Spermientransfer, indem das Weibchen sogenannte Spermatophoren in ihre Geschlechtsöffnung aufnimmt, die vom Männchen zuvor auf dem Boden abgelegt worden sind. Ist die Eireifung (7) abgeschlossen, kommt es in den oberen Schichten des Bodens bis etwa zehn Zentimeter Tiefe zur Eiablage (8).

 

Entwicklungszyklus der Herbstgrasmilbe - Befall von Katzen © Dr. med. Michael Streicher
Entwicklungszyklus der Herbstgrasmilbe – Befall von Katzen © Dr. med. Michael Streicher

Als Prälarve wird ein weiteres charakteristisches Stadium bezeichnet, bei dem die junge Larve, noch von einer besonderen Membran umhüllt, für einige Tage in der aufgebrochenen Eihülle verharrt. Die Larven schlüpfen aus dem Ei, verlassen den Erdboden und sind zur weiteren Entwicklung als sogenannte Ektoparasiten auf Säugetiere als Wirte angewiesen (9).
Erst jetzt ist das Stadium erreicht, in dem die Larven der Herbstgrasmilbe die Katze und andere Säugetiere befallen.

Die Symptome bei Mensch und Katze

Der Mensch ist nicht der natürliche Wirt der Milbenlarve. Dennoch kann die Milbe beim Menschen ganze vier bis acht Stunden saugen, ihr gewebeauflösende Speichel bewirkt einen Juckreiz – meist aber erst dann, wenn die Larve bereits wieder abgefallen ist.
Es bilden sich rötliche Pünktchen um die Einbissstelle herum, die nach einigen Tagen wieder verschwinden. Bei Kleinkindern wird auch des Öfteren der Kopf von den Milbenlarven befallen, was zur Bildung von Schorfkrusten führen kann. Bei Katzen, dem natürlichen Wirt der Milbe, dauert der Saugakt mit bis zu sechs Tagen deutlich länger als beim Menschen. Dort ist der Befall oft bei genauer Betrachtung gut erkennbar, da sich viele Larven an bestimmten Stellen sammeln und hier als rötliche Schorfkruste erkennbar sind – mit Vorliebe in den Zwischenzehenbereichen, der Ohr- und Nasengegend und um die Schwanzspitze sowie um die Zitzen herum. Durch den Juckreiz kratzen und belecken betroffene Katzen verstärkt die befallenen Bereiche, was zu heftigen, selbst zugeführten Verletzungen mit schweren Entzündungen führen kann.

Prophylaxe & Behandlung

Wenn in Ihrem Garten verstärkt Herbstgrasmilben auftreten, gibt es nur wenige bis gar keine Möglichkeiten, diese loszuwerden. Weder chemische, physikalische noch biologische Präparate sind bisher in der Lage, eine ökologisch sinnvolle Milbenbekämpfung zu erreichen. Darum ist eine effektive und
unschädliche Behandlung betroffener Tiere umso wichtiger!
Bei Haustieren mit Verdacht auf Herbstgrasmilbenbefall sollte immer der Tierarzt aufgesucht werden. Für die Katze gibt es derzeit leider kein zugelassenes Präparat zur erfolgreichen Bekämpfung des Larvenbefalls. Es gibt auch keine die Laven fernhaltenden Medikamente. Dennoch gibt es viele Berichte von Katzenhaltern, die belegen sollen, dass insbesondere Präparate für die Zecken- und Flohbekämpfung auch wirksam gegen die Herbstgrasmilbenlarve eingesetzt werden können. Aus eigenen tierärztlichen Erfahrungen kann ich das nicht bestätigen. Katzen mit Herbstgrasmilbenlarven sind ausnahmslos Freigänger, die in schätzungsweise 60 bis 70 Prozent der Fälle mit einer Zecken- und Flohprophylaxe bedacht wurden. In dieser Patientengruppe ist nicht festzustellen, dass weniger allergische Erkrankungen im Rahmen der Herbstgrasmilbenproblematik auftreten als bei den Katzen ohne Prophylaxe.

Vorsicht vor nicht zugelassenen Medikamenten

Es ist ausdrücklich davor zu warnen, Katzen Medikamente zu geben, die nicht ausdrücklich für Katzen zugelassen sind. Hierzu zählen auch in den Nacken aufzutragende Zecken- und Flohprophylaxepräparate, die nicht ausdrücklich an Katzen getestet und für unschädlich befunden wurden. Für Hunde geeignete Präparate eignen sich nicht für Katzen! Insbesondere beim Wirkstoff Permethrin, der von Hunden gut vertragen wird, kann es bei der Katze zu lebensbedrohlichen Symptomen kommen.

Hausmittel

Das häufig als wirksam angepriesene Hausmittelchen Knoblauch soll gegen den Larvenbefall helfen. Doch Knoblauch enthält wie Zwiebeln auch den Wirkstoff N-Propyldisulfid, der bei der Katze die roten Blutkörperchen zerstören kann und so über einen längeren Zeitraum, je nach Menge des gegebenen Knoblauchs, zu einer Blutarmut mit daraus resultierender Apathie führt.

Auch Teebaumöl wird oft als wirksames und günstiges Mittel „ohne jegliche Chemie“ gegen die Herbstgrasmilbenlarve, Flöhe und Zecken verabreicht. Auch hier ist Vorsicht geboten: Die ätherischen Öle des Teebaums können bei der Katze schwerwiegende allergische Reaktionen auslösen, die bis zum Tode führen. Teebaumöl hat in der kätzischen Hausapotheke nichts verloren.

Kurz und gut: Egal, was Sie auch für Ratschläge hinsichtlich der Bekämpfung und Vermeidung des Herbstgrasmilbenlarvenbefalls hören oder lesen, fragen Sie vor einer Anwendung immer Ihren Tierarzt. Die Therapie betroffener Katzen besteht in der Gabe entzündungshemmender, antiallergischer und bei Bedarf auch antibiotischer Präparate. Milbennester an den bevorzugten Stellen können mit einem Taschentuch entfernt werden.

Dieser Artikel erschien in Pfotenhieb, Ausgabe 5. Das Bookazin können Sie hier bestellen …

Zum Autor
Dr. med. vet. Michael Streicher ist Fachtierarzt für Kleintiere. Mit seiner ausschließlich auf Katzen spezialisierten Praxis in Oberursel kombiniert er die
medizinische Kompetenz mit der Leidenschaft und Liebe für Katzen. „Wir möchten nicht nur erkrankte Patienten wieder auf den Weg der Genesung bringen, sondern auch gesunden Katzen durch eine sinnvolle und gezielte Gesundheitsvorsorge ein gesundes, glückliches und langes Leben ermöglichen“, so Streicher.
2011 erschien sein Buch „Erste Hilfe für meine Katze – was man für den Notfall wissen muss“ im Cadmos
Verlag.
Weitere Infos zum Autor: www.katzen-praxis.de

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