Wieviel Impfen muss sein?

Foto: Nadine Müller, www.catpassion.ch
Foto: Nadine Müller, www.catpassion.ch

Jedes Jahr winkt für Katzenhalter der routinemäßige Tierarztbesuch: Gesundheitskontrolle und zwei, drei Spritzen, damit die Mietze auch weiterhin gesund bleibt. Impfungen nennt man dies – der Körper soll dazu animiert werden, gefährliche Krankheiten selbständig abzuwehren. Also besser zu viel impfen als zu wenig?

Von Lena Landwerth

Wer das Stichwort „Impfung“ in eine Internet-Suchmaschine eingibt, erhält die verschiedensten Ergebnisse. Schon seit einigen Jahren bekämpfen sich Impfbefürworter und –Gegner bis aufs Blut: Die einen halten Impfungen als die einzige Garantie für die langjährige Gesundheit der Katze, die anderen weisen auf durch Impfen verursachte Krankheiten hin. Mittlerweile hat sich dieser Streit zu einem wahren Glaubenskrieg entwickelt. Katzenhalter sind meistens verunsichert, folgen doch lieber dem Rat ihres Tierarztes oder boykottieren die regelmäßigen Impftermine jahrelang. Wer hat Recht?

Um die richtige Entscheidung für oder gegen eine Impfung zu fällen, sollte jeder Tierfreund wissen, was eine Impfung ist und wie sie wirkt. Keine Sorge – hierfür müssen Sie nicht Medizin studiert haben, etwas gesunder Menschenverstand reicht.

Darum zuerst einmal ein kleiner medizinischer Exkurs, was bei einer Impfung überhaupt geschieht. Der menschliche oder tierische Organismus kann lernen, körperfremdes Material abzuwehren und so Krankheitserreger zu bekämpfen – bei dem Großteil der Erreger ist aber ein Kontakt mit diesem notwendig. Dies ist der Sinn der Impfung: Der Körper kommt mit dem Krankheitserreger in Berührung und entwickelt so genannte „Antikörper“ gegen diesen – vergleichbar mit dem Polizeiaufgebot nach einem Banküberfall. Dabei unterscheiden wir zwei Arten der Impfung: Die passive und die aktive Immunisierung. Bei der aktiven Immunisierung wird der abgeschwächte oder abgetötete Krankheitserreger in den Körper eingebracht. Der Körper durchlebt hier eine abgeschwächte Infektion, worauf das Immunsystem mit der Produktion von Antikörpern gegen diese spezifische Infektionskrankheit beginnt. Bei der passiven Immunisierung werden dagegen direkt Antikörper gespritzt, die dem Körper eine gewisse Widerstandsfähigkeit verleihen. Die Bauart dieser Antikörper bleibt im so genannten „Immungedächtnis“ des Körpers gespeichert – ähnlich einer Fahndungsdatei der Polizei.

Doch wie lange kann sich der Körper an die Bauweise der Antikörper erinnern? Wie lange wird diese Immunität vom Körper aufrecht erhalten? Der Blick in den menschlichen Impfkalender zeigt, dass einige Impfungen alle vier, andere sogar nur alle zehn Jahre aufgefrischt werden müssen. Wieder andere Immunisierungen werden nach dem Säuglingsalter nicht mehr vorgenommen. Das gilt aber nur für uns Menschen – bei Tieren ist die Auffrischungsimpfung oft Routine bei der jährlichen Gesundheitsüberprüfung. Dabei muss dies gar nicht sein: Das Immunsystem einer Katze ist dem des Menschen ebenbürtig – auch kann der Körper die Immunität mehrere Jahre wenn nicht lebenslang aufrecht erhalten. Dies bestätigen Forschungen von 1999 an Hunde und Katzen: Nach einer ordentlichen Grundimmunisierung wurde zum Beispiel für Seuche eine Wirksamkeit von mindestens 7,5 Jahren festgestellt. Zwar sank der Impftiter, die Zahl nachweisbarer Antikörper im Blut der Tiere, nach einiger Zeit – bei einer Testinfektion bildeten sich aber rasch neue Antikörper. Die Gedächtniszellen waren also noch vorhanden, die Katze geschützt.

Bei Impfungen gilt also nicht „viel hilft viel“ – ganz im Gegenteil: Übermäßiges Impfen verursacht Studien nach neben der Entstehung von Allergien, Autoimmunerkrankungen und der Möglichkeit eines Impfschocks das gefürchtete „vakzine-assoziierten Fibrosarkom“, kurz „Impfsarkom“, kleine Tumore im Katzenkörper. Diese Krebsart ist nicht gerade selten, laut Impfreport treten bei 1 bis 10 Tieren pro 10.000 Impfungen Impfsarkome auf und ist die zweithäufigste Tumorform bei der Katze. Katzen sind hier empfindlicher als andere Kleinsäuger, die Krankheit verläuft meistens tödlich. Selbst eine Operation kann die Ausbreitung des Geschwürs nur selten stoppen.

Eine sehr detaillierte Beschreibung der Sarkomentstehung bietet die Journalistin Monika Peichl in ihrem Buch „Katzen impfen mit Verstand“. Impfsarkome entstehen durch eine Entzündungsreaktion an der Impfstelle. Diese Reaktion ist durchaus gewünscht: Totimpfstoffe rufen oft keine ausreichende Immunreaktion im Körper hervor, so dass die lokale Entzündungsreaktion durch die Zugabe so genannter „Adjuvantien“ hervorgerufen wird. Die herbeieilenden Antikörper nehmen so das gespritzte Immunreagens besser auf. Neuere Forschungen haben gezeigt, dass auch bei adjuvantenfreien Impfstoffen temporäre Entzündungen und Geschwülste auftreten, diese aber oft nach wenigen Wochen verschwinden – im Gegensatz zu den adjuvantenhaltigen Impfstoffen, die eine langanhaltende Entzündung hervorriefen. Hier ist noch nicht ganz klar, welche Faktoren das Risiko für die Entstehung eines Sarkoms begünstigen. Der Großteil der betroffenen Katzen ist über acht Jahre alt; dennoch ist fraglich, ob dieses an der körperlichen Kondition der Tiere oder an den bisher verabreichten Impfungen liegt.

Unter deutschen Wissenschaftlern ist die Entstehung von Fibrosarkomen dennoch umstritten. Während viele Forschungen unterstreichen, dass übermäßiges Impfen eindeutige Ursache der Krebsgeschwüre ist, halten andere dagegen. Kein Wunder also, dass sich die Katzenhalter uneins sind.

Dagegen wird in den USA der Zusammenhang mit Impfungen nicht mehr bezweifelt, mittlerweile treibt dort eine fachübergreifende Arbeitsgruppe, die so genannte „Vaccine-Associated Feline Sarcoma Task Force“ die Forschung über Fibrosarkome voran.

Es scheint sicher, dass die beste Vorsorge gegen Fibrosarkome ist, die Katzen nicht mehr als nötig impfen zu lassen. Nun hat auch die Bundeskammer für Praktische Tierärzte reagiert: „Der Grundsatz dabei ist, dass das einzelne Tier die Impfungen erhält, die notwendig sind; nicht mehr aber auch nicht weniger“. In den „Impfempfehlungen für die Kleintierpraxis“ wird ein Impfintervall von drei Jahren gegen Seuche empfohlen, alle zwei Jahre sollte gegen Schnupfen geimpft werden. Dabei handelt es sich nicht um die Entwicklung neuer Impfstoffe, es wurde nur die Zulassung gewisser Medikamente verändert. Kurz und schlüssig: Die Impfung blieb die Selbe, der Beipackzettel nicht.

Es ist also möglich, das Risiko für die Entstehung von Impfsarkomen zu minimieren, ohne dem Tier seine Immunität gegen Krankheiten zu rauben. Dennoch verwenden viele Tierärzte weiterhin Ein-Jahres Präparate. Sei es aus Profitgier oder Unwissenheit: Hier liegt es am Tierhalter, ein Mehrjahrespräparat zu verlangen und seiner Katzen so das Risiko eines Impfsarkoms zu ersparen.

Die wenigsten Tierhalter haben ein medizinisches Studium absolviert, darum ist immer noch der Tierarzt erster Ansprechpartner in Sachen Medikation und Gesundheit. Dennoch sprechen die vorliegenden Forschungen für sich, die Zulassung von Mehrjahrespräparaten auch. Selbst, wenn viele Tierärzte die Entstehung von Fibrosarkom verneinen werden sie doch nichts dagegen haben, dem Tier die alljährliche Impfung zu ersparen, oder? Grund für die Verwendung eines Mehrjahrespräparates sollte aber nicht reiner Geiz sein: Genau wie der Mensch sollte auch die Katze regelmäßig zur Gesundheitsvorsorge! Durch die Einführung von Impfungen konnten etliche menschliche und tierische Infektionskrankheiten fast gänzlich eingedämmt werden. Impfen ist grundsätzlich gut und schützt die Katze vor gefährlichen Infektionskrankheiten – allerdings sollten Tierhalter kein Risiko eingehen und darüber nachdenken, welche Impfungen die Katze genau benötigt.

Bisher ist die Literatur zum Thema eher spärlich. Interessierten sei aber das schon genannte Buch „Katzen impfen mit Verstand“ von Monika Peichl ans Herz gelegt. Frau Peichl beschäftigt sich als Journalistin seit etlichen Jahren mit dem Thema Haustierimpfung und vertritt hier eine angenehm kritische Ansicht, ohne zu den grundsätzlichen Impfgegnern zu gehören. In ihrem Buch nennt sie sämtliche Quellen und Untersuchungen – somit ist diese Lektüre wahrscheinlich nicht für Jedermann leicht zu lesen. Für Katzenhalter, die sich aber genau über das Thema „Impfung“ informieren und mit entsprechenden medizinischen Themen beschäftigen möchten, ist das Buch eine wahre Fundgrube.

Artikel erschienen im Pfotenhieb-Heft 01/2007, August 2007

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